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Arzneimittelkosten: Thema Rabattverträge

2007 wurden die sogenannten Arzneimittel-Rabattverträge eingeführt und erregten Aufsehen bei Patienten wie Apothekern. Seither hat sich viel getan. Ein Interview
von Barbara Kandler-Schmitt, 09.10.2017

Apotheker Fritz Becker sieht noch Verbesserungsbedarf bei den Rabattverträgen

W&B/Bernhard Kahrmann

Um die Arzneimittelausgaben zu senken, gewähren Pharmahersteller den Kassen für bestimmte Medikamente Rabatte auf die Apothekenverkaufspreise. Im Gegenzug garantieren die Kassen den Firmen, dass ihre Versicherten im Normalfall nur rabattierte Präparate ­bekommen.

Even­tuell erhält ein Patient also plötzlich ein wirkstoffgleiches Medikament von einer anderen Firma. Dieser Austausch darf jedoch nicht erfolgen, wenn der Arzt auf dem Rezept das "aut idem"-­Feld durchgestrichen hat. In begründeten Einzelfällen kann sich auch der Apotheker gegen einen Austausch entscheiden.

Fritz Becker ist Apothekeninhaber in Pforzheim. Als ­Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV) hat er dafür gekämpft, ­Fehlentwicklungen bei den Rabattverträgen zu besei­tigen. Er sieht noch weiteren Verbesserungsbedarf. Wir haben ihn zu diesem Thema interviewt:

Herr Becker, Rabattverträge sind nicht sonderlich beliebt. Warum?

Die größten Probleme gab es am Anfang. Für die Patienten war das ja etwas völlig Neues. Wenn jemand statt seines gewohnten Medikaments plötzlich ein anderes bekam, war die Verunsicherung natürlich groß. Wir Apotheker mussten damals viel Aufklärungsarbeit leisten, um das ­Vertrauen der Patienten in uns und unsere Me­dikamente zurückzugewinnen. Auch der Verwaltungsaufwand sorgte in vielen Apotheken für Unmut – zumal es immer wieder zu Lieferengpässen und Abrechnungsproblemen kam.

Was hat sich in Deutschlands Apotheken durch die Einführung der Rabattverträge geändert?

Früher haben wir uns mit unserem Warenlager darauf eingestellt, was die Ärzte in der Umgebung verordnet haben. Inzwischen sind die Rabattverträge der Krankenkassen ausschlaggebend, sodass wir jeden Wirkstoff von mehreren Herstellern vorrätig halten. Da die Verträge zunächst immer nur für ein Jahr abgeschlossen wurden, mussten wir das Warenlager anfangs jährlich umstellen.

Hat der Patient von diesen Veränderungen etwas gemerkt?

Ja, weil auch die Arbeitsabläufe auf einmal anders waren. Früher ging man mit dem Rezept des Patienten direkt an die Schublade, heute führt der erste Weg zum Computer, der anzeigt, welches Rabattarzneimittel wir abgeben müssen. Dadurch fühlten sich viele Patienten anfangs irritiert und zurückgesetzt.

Und jetzt hat sich alles eingespielt?

Die Patienten haben sich daran gewöhnt, dass ihre Arzneimittel häufiger wechseln, und vertrauen darauf, dass wir ihnen das Richtige geben. Auch die meisten Apotheker haben ihren Frieden mit den Rabattverträgen gemacht. Schließlich wurde in den vergangenen Jahren manches vereinfacht und verbessert.

Wo genau sehen Sie Fortschritte?

Inzwischen schließen viele Krankenkassen Verträge mit mehreren Herstellern ab, sodass wir unter zwei oder drei Rabattarzneimitteln wählen können. Außerdem laufen die Verträge inzwischen über zwei Jahre und treten erst nach einem halben Jahr Vorlaufzeit in Kraft. So können alle besser planen. Seit 2014 sind zudem einige Wirkstoffe vom Austausch ausgeschlossen, sie stehen auf der Substitutionsausschlussliste. Und wenn die Therapie gefährdet sein könnte, dürfen Apotheker wegen pharma­zeutischer Bedenken anstelle des Rabattarzneimittels das ursprünglich verordnete Präpa­rat abgeben. Aus Angst vor Abrech­nungsproblemen wird die Möglichkeit aber selten genutzt.

Wann darf der Apotheker es ablehnen, ein Medikament gegen ein wirkstoffgleiches auszutauschen?

Etwa wenn ein Patient nicht überzeugt werden kann, dass die Rabattarznei für ihn gut verträglich ist. Die Psyche spielt nämlich eine wichtige Rolle. Müssen Patienten ihre neuen Tabletten mit dem Küchenmesser teilen, weil sie keine Bruchrille haben, kann es wegen der Ungenauigkeiten zu Schwankungen beim Wirkstoffgehalt im Blut kommen. Und bei Asthmasprays und Schmerzpflastern kann die Wirkstofffreisetzung je nach Präparat stark variieren.

Warum stehen diese Arzneimittel dann nicht auf der Ausschlussliste?

Hier besteht aus unserer Sicht Nachbesserungsbedarf. Solange Schmerzpflaster oder Asthmasprays nicht generell vom Austausch ausgeschlossen sind, bleibt uns nur, im Einzelfall pharmazeutische Bedenken anzumelden. Das sollte öfter getan werden.

Wo sehen Sie weiteren Verbesserungsbedarf?

Der vollständige Wirkstoffname sollte gut lesbar auf allen Packungen stehen. Dann sieht der Patient auf den ersten Blick, ob es sich um exakt die gleiche Verbindung handelt. Außerdem sollten Rabattverträge zwingend mit mindestens zwei Unternehmen geschlossen werden. Das ist den Krankenkassen bislang freigestellt.

Ließen sich dadurch ärgerliche Lieferengpässe vermeiden? 

Ja, das würde die Situation deutlich entspannen. Immerhin ermöglicht das halbe Jahr Vorlaufzeit den Herstellern bereits jetzt, ihre Produktion an die neuen Anforderungen anzupassen. Trotzdem werden sich Lieferengpässe nie ganz vermeiden lassen.

Wieso nicht?

Die Kassen sparen durch die Rabattverträge jedes Jahr mehr als 3,6 Milliarden Euro, was großen Kostendruck auf die Hersteller ausübt. Sie importieren die Wirkstoffe möglichst billig aus Fernost. Können die Firmen nicht in der hierzulande gewünschten Qualität liefern, hat das dramatische Folgen – wie kürzlich bei einigen Antibiotika. Die Verlagerung der Produktion ins außereuropäische Ausland ist ein Problem, das die Politik allmählich begreift. Dringend müssen mehr Arzneien in Europa hergestellt werden.

Haben Rabattverträge auch Vorteile – abgesehen vom Sparpotenzial?

Durch den enormen Aufklärungs­bedarf sind wir mit vielen Patienten verstärkt ins Gespräch gekommen. Dabei haben wir oft unerwünschte Arz­neimittel- oder Wechselwirkungen aufgedeckt. Und die Patienten haben gelernt, sich mehr zu öffnen. Die Kommunikation ist besser geworden – sozusagen als positive Nebenwirkung.



Bildnachweis: W&B/Bernhard Kahrmann

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